Saarbrücker Zeitung - Saarlouis - 08.01.2004

Augen nicht verschließen
Elisabeth Thalhofer sprach vor Schülern des Gymnasiums am Stadtgarten
 
Die anerkannte Expertin für das Polizeilager Neue Bremm vermittelte in ihrem Bildvortrag einen Einblick in den Alltag des Schreckens des national-sozialistischen Terrorstaates. Das Polizeilager bestand ein Jahr.

 
Saarlouis. "Es war nirgendwo so schlimm wie auf der Neuen Bremm." Dass diese subjektive Sicht eines ehemaligen Lagerinsassen eine Berechtigung hatte, konnten die Schülerinnen und Schüler der Geschichtskurse des Gymnasiums am Stadtgarten und interessierte Zuhörer in einem Vortrag von Elisabeth Thalhofer eindrucksvoll nachvollziehen. Die anerkannte Expertin für das Polizeilager Neue Bremm vermittelte in ihrem Bildvortrag einen Einblick in den Alltag des Schreckens des national-sozialistischen Terrorstaates.

Auf große Lager verteilt

Das Polizeilager Neue Bremm in Saarbrücken bestand vom Sommer 1943 bis 1944. Nach 1945 wurde das Lager nach und nach ausgeplündert und 1946/47 abgerissen. Das Lager war in ein Männer- und Frauenlager untergliedert. Etwa 400 bis 500 Männer und 200 bis 400 Frauen waren hier ständig interniert. Die Gestapostelle, der das Lager unterstellt war, nutzte die Neue Bremm als Disziplinierungs- und Durchgangslager. Politische Häftlinge wurde von hier auf die Konzentrationslager verteilt. Willkürlich konnte die Gestapo Menschen für kurzfristige und nachhaltige "Disziplinierungsmaßnahmen" einweisen.

Die politischen Häftlinge verblieben während des gesamten Tages im Lager und waren damit, da keine Rückzugs-Möglichkeiten wegen der geringen Größe des Lagers vorhanden waren, den ständigen Übergriffen des Lagerpersonals ausgesetzt. Die Zwangsarbeiter zogen täglich aus zu den verschiedenen Einrichtungen, in die sie die Gestapo zur Zwangsarbeit verkaufte. Die Frage von David Maaß, ob es für die Inhaftierten dabei Chancen zur Flucht ergeben hätten, musste Frau Thalhofer verneinen. In Lumpen gekleidet, abgemagert durch die vollkommen unzureichende Ernährung und entstellt durch ins Haar geschnittene Muster waren die Gefangenen schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild gebrandmarkt. "Auf der Flucht erschossen", so hieß die offizielle Verlautbarung von Hinrichtungen, die nicht nur bei Aufsässigkeit drohten und die nach inoffiziellen Schätzungen neben den Opfern der Torturen in die Hunderte gingen.

Welchen Qualen waren die Opfer ausgesetzt und wer waren die Täter? Zu dem offiziellen Führungspersonal der SS gehörten nur Fritz Schmoll, der Leiter des Lagers, und Karl Schmieden, Mitglied der Totenkopf SS, mit dessen Amtsantritt aber eine zunehmende Brutalisierung des Lagerlebens verbunden war.

Alle anderen Aufseher wurden durch das Arbeitsamt rekrutiert. Auf die erstaunte Frage von Armella Vella, ob man diesen Dienst nicht ablehnen konnte, stellte Frau Thalhofer fest, dass dies durchaus möglich war. Aber ganz im Gegensatz zu unseren heutigen Vorstellungen wurde von vielen wohl auch wegen der guten Bezahlung der Dienst für die Gestapo favorisiert. Noch bemerkenswerter ist, dass gerade diese "einfachen Menschen" - wohl aus vorauseilendem Gehorsam - in der Brutalität ihrer Peinigungen immer mehr und mehr enthemmt wurden.

Leiden der Opfer

Große Bedrückung innerhalb des Publikums stellte sich ein, als Roberta Dupza und Lisa Kajdi nach den Leiden der Opfer fragten. Hier eröffnete sich ein kaum vorstellbares, sadistisches Repertoire: Prügel auf dem Prügelbock im Waschraum, Quälereien, die als Sportaktivitäten beschönigt wurden, Verätzen der Kopfhaut, Aufheben von Papierschnitzel bei bitterster Kälte im Winter, Hetzjagden mit Hunden, Häftlinge, die man zum Pflügen der Felder vor den Flug spannte, sind nur einige Beispiele der entwürdigenden Tortur, die Menschen durchleben mussten. Und Folterungen trafen alle, wie Frau Thalhofer auf die Frage von Anika Müller feststellte.

MARTIN UHRHAN, SGS, Saarlouis

 

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